
Der Regen prasselte auf das Blechdach des Wohnwagens, als Tom Borsalino die Tür aufstieß. Wasser tropfte von seiner Hutkrempe. Emily saß hinter einem Berg Akten, schnurrte kurz zur Begrüßung und schob ihm einen Kaffee rüber. „Scheinbeschäftigung", sagte sie nur. „Sachsen-Anhalt. Nordrhein-Westfalen. Bayern." Tom hängte den Trenchcoat an den Haken. „Fang an."
„Fall Eins: Die tote Hose.“ Emily schlug die erste Akte auf. „Nadine Koppehel, AfD-Abgeordnete Landtag Sachsen-Anhalt. Sechzehn Mitarbeiter. Sechzehn." Sie ließ die Zahl wirken. „Ihr Büro sieht aus wie ein verlassenes Aquarium. Mutter sitzt drin. Parteikollegin Wendt auch. Ansonsten: nichts. Stille. Die Mitteldeutsche Zeitung nennt es ‚tote Hose'." Tom pfiff leise.
„Fall Zwei: Der Familienverbund.“ Emily rollte mit den Augen – was bei einer Katze besonders eindrucksvoll wirkt. „Tobias Rausch, parlamentarischer Geschäftsführer. Drei Geschwister arbeiten für eine AfD-Bundestagsabgeordnete. Ehefrau in der eigenen Fraktion. Schwager bei Abgeordnetem Korell." Tom lehnte sich vor. „Und dann, Tom—" Emily tippte auf ein Foto — „vier Fußballkumpels!“
„Wie bitte?"
„Alle vier als Mitarbeiter gemeldet. Statt auf dem Platz dribbelten sie auf Rauschs Gehaltsliste." Emily schob Tom das Foto rüber. Vier grinsende Männer im Trikot. Tom lehnte sich zurück, „Schöne Mannschaftsaufstellung."
„Fall Drei: Der unsichtbare Vater." Jetzt wurde Emily ernst. „Ulrich Siegmund, Sachsen-Anhalt, AfD-Spitzenkandidat. Zehn Mitarbeiter — jetzt acht, nachdem die Presse zu schnüffeln begann. Aber das ist noch nicht das Beste." Sie klappte eine neue Akte auf. „Sein Vater. Angestellt bei Abgeordnetem Korell in Berlin. Bundestag." „Und?" „Niemand hat ihn je gesehen. Nie. Kein einziger Abgeordneter auf den Fluren des Bundestags." Emily ließ das sacken. „Und ein Mitarbeiter, den sein eigener Chef auf einem ZDF-Foto nicht erkennt. Korell schaute in die Kamera und sagt: ‚Wer ist das?" Sie machte eine lange Pause. „Sein eigener Mitarbeiter, Tom." Borsalino starrte in seinen Kaffee.
„Fall Vier: Die fleißige Seniorin." Emily blätterte weiter. „Klaus Esser, AfD NRW. Eine Mitarbeiterin ist schlappe 85 Jahre alt. Der Spiegel hat's aufgedeckt. Der Landtag prüft. Ich urteile nicht," sagte Emily würdevoll, „aber ich frage mich, ob sie die Akten noch selbst trägt."
„Fall Fünf: Fünfzehn in Duisburg. Enxhi Seli-Zacharias, auch NRW, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Fünfzehn Mitarbeiter. Darunter die Ehefrau eines Duisburger AfD-Lokalpolitikers." Emily schloss die Akte. „Auskunft verweigert."
„Fall Sechs: Der schweigsame Bayer. Markus Striedl. Bayern. Vierzehn Mitarbeiter. Bayerischer Rekord. Äußert sich nicht." Tom stand auf, nahm den Trenchcoat vom Haken. „Hör auf! Sonst kommt mir der Kaffee wieder hoch. Und diese Typen werden tatsächlich gewählt?!“ Emily schnurrte düster. „Keine Ahnung, wie Menschen ticken. Ich bin eine Katze.“ „Eindeutig. Ich fahr noch eben eine Runde. Kippen holen. Bis gleich.“ „Ist das Entendach wieder dicht?“ „Nein.“
Ende
Quellen: taz, MZ, Kölner Stadtanzeiger, Der Spiegel, ZDF